Die vergangenen Jahre haben den Wald in der Eifel massiv verändert. Stürme, extreme Trockenperioden, hohe Temperaturen und insbesondere der Borkenkäfer haben vielerorts zu erheblichen Schäden geführt. Auch in der Nordeifel rund um Nettersheim sind zahlreiche Kalamitätsflächen entstanden, auf denen frühere Waldbestände verschwunden sind. Für Waldbesitzer, Forstleute und Kommunen stellt sich deshalb die Frage, wie diese Flächen wieder bewaldet werden können und welcher Weg langfristig zu einem stabilen, artenreichen und klimafitten Wald führt.

Die naheliegende Antwort lautet häufig: Neue Forstbäume bestellen, die Flächen vorbereiten und möglichst schnell wieder aufforsten. Doch aus meiner Sicht als Andreas Zingsheim von Eifelforsten.de greift diese Betrachtungsweise zu kurz. Die Pflanzung von Forstbäumen kann sinnvoll und auf manchen Flächen sogar notwendig sein. Sie sollte aber nicht automatisch die erste und wichtigste Maßnahme sein. Gerade auf Kalamitätsflächen sollte zunächst genau geprüft werden, was die Natur selbst leisten kann und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.
Denn der Wald besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur natürlichen Regeneration. Wo Bäume verschwinden, entsteht plötzlich viel Licht. Samen von vorhandenen Bäumen können keimen, bereits vorhandene Naturverjüngung kann sich entwickeln und Baumarten aus der näheren Umgebung können die Fläche besiedeln. Unter geeigneten Bedingungen kann auf diese Weise innerhalb weniger Jahre eine neue Waldgeneration entstehen. Das aktuelle Wiederbewaldungskonzept des Landes Nordrhein-Westfalen verfolgt deshalb ebenfalls einen standortgerechten Ansatz, bei dem Naturverjüngung, Saat und Pflanzung miteinander kombiniert werden können. Auch die Gemeinde Nettersheim räumt bei der Verjüngung ihres Waldes der Naturverjüngung eine wichtige Rolle ein.
Naturverjüngung hat dabei einen großen Vorteil: Die jungen Bäume stammen aus dem vorhandenen regionalen Genpool und haben sich bereits unter den örtlichen Bedingungen entwickelt. Sie sind also nicht erst nach der Pflanzung mit dem Standort konfrontiert, sondern wachsen dort, wo sie sich natürlich angesiedelt haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder junge Baum automatisch für die Zukunft geeignet ist oder dass man den Wald einfach sich selbst überlassen sollte. Standort, Boden, Wasserhaushalt, Baumartenmischung und Konkurrenzvegetation müssen weiterhin fachlich beurteilt werden. Trotzdem sollte die natürliche Wiederbewaldung dort, wo sie funktioniert, eine wesentlich größere Bedeutung bekommen.
Genau an diesem Punkt kommt allerdings ein Thema ins Spiel, das meiner Meinung nach bei der Diskussion über die Wiederbewaldung von Kalamitätsflächen viel stärker berücksichtigt werden muss: die Jagd.
Denn was nützt die beste Naturverjüngung, wenn junge Bäume einem permanent hohen Verbissdruck ausgesetzt sind? Eine junge Eiche, ein Ahorn, eine Buche oder eine andere standortgerechte Baumart benötigt viele Jahre, um sich zu einem kräftigen Baum zu entwickeln. Werden die jungen Triebe immer wieder vom Schalenwild verbissen, kann die Entwicklung erheblich beeinträchtigt werden. Besonders problematisch ist dabei, dass nicht alle Baumarten gleichermaßen betroffen sind. Werden bestimmte Baumarten bevorzugt verbissen, können sich andere Arten durchsetzen, obwohl sie aus waldbaulicher Sicht möglicherweise gar nicht die gewünschte Rolle spielen sollen.
Damit kann eine eigentlich artenreiche Naturverjüngung auf dem Papier vorhanden sein, während sich in der Realität nur ein Teil dieser Baumarten dauerhaft durchsetzt. Genau hier entsteht ein Zielkonflikt zwischen Wild und Wald. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, das Wild aus unseren Wäldern zu verdrängen. Reh‑, Rot- und Schwarzwild gehören zu unserer Landschaft und zu einem funktionierenden Ökosystem. Es geht vielmehr um die Frage, ob die vorhandenen Wildbestände an die Lebensraumkapazität und an die waldbaulichen Ziele angepasst sind.
Diese Frage ist für die Nordeifel von besonderer Bedeutung. Rund um Nettersheim finden wir unterschiedliche Standorte, Höhenlagen, Bodenverhältnisse und Waldstrukturen. Die Wälder erfüllen gleichzeitig wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Funktionen. Nach den erheblichen Waldschäden der vergangenen Jahre besteht nun die große Chance, auf vielen Flächen neue, vielfältige Mischwälder entstehen zu lassen. Doch diese Chance kann nur genutzt werden, wenn die jungen Bäume auch tatsächlich wachsen können.
Aus meiner Sicht sollte deshalb bei einer Kalamitätsfläche nicht zuerst die Frage gestellt werden: Welche Bäume müssen wir pflanzen? Die wichtigere Frage lautet zunächst: Welche Baumarten können sich auf diesem Standort natürlich entwickeln und wie schaffen wir die Voraussetzungen dafür?
Dazu gehört eine ehrliche Betrachtung des Wildverbisses.
Wenn auf einer Fläche eine ausreichende Naturverjüngung vorhanden ist, diese aber immer wieder stark verbissen wird, ist es wenig sinnvoll, lediglich neue Pflanzen zu bestellen und in den Boden zu bringen. Denn damit wird das eigentliche Problem nicht gelöst. Im Gegenteil: Für den Waldbesitzer entstehen zusätzliche Kosten. Pflanzen müssen gekauft, transportiert und gesetzt werden. Anschließend benötigen sie unter Umständen Einzelschutz, Wuchshüllen oder einen Zaun. Bei Ausfällen sind Nachpflanzungen notwendig. Die Pflege verursacht weitere Kosten und Arbeitsaufwand.
Natürlich gibt es Situationen, in denen Pflanzungen unverzichtbar sind. Wenn eine gewünschte Baumart nicht vorhanden ist, die Naturverjüngung nicht ausreicht oder eine Fläche aus standörtlichen Gründen gezielt mit bestimmten Baumarten angereichert werden soll, kann die Pflanzung genau der richtige Weg sein. Auch auf großen Kalamitätsflächen kann eine gezielte Ergänzung der Naturverjüngung notwendig sein. Es geht deshalb nicht um ein grundsätzliches „Pflanzen gegen Nichtpflanzen“. Es geht um eine fachlich sinnvolle Kombination.
Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Maßnahme auf welcher Fläche den größten langfristigen Nutzen bringt.
Ein gesunder Waldumbau beginnt deshalb nicht zwangsläufig mit dem Pflanzspaten. Er beginnt mit einer Bestandsaufnahme. Wie ist der Standort beschaffen? Welche Baumarten sind bereits vorhanden? Welche Naturverjüngung steht auf der Fläche? Welche Baumarten werden verbissen? Wie hoch ist der Verbissdruck? Welche jagdlichen Möglichkeiten bestehen? Und welche Baumarten sollen langfristig den neuen Wald bilden?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, sollte entschieden werden, ob, wo und in welchem Umfang gepflanzt werden muss.
Gerade bei der Wiederbewaldung von Kalamitätsflächen sollte die Jagd deshalb als ein wesentlicher Bestandteil des Waldumbaus verstanden werden. Das Land Nordrhein-Westfalen weist in seinem Wiederbewaldungskonzept ebenfalls auf die Bedeutung einer angepassten jagdlichen Bewirtschaftung hin. Verjüngungsflächen können beispielsweise jagdlich besonders berücksichtigt werden, wenn der Wildverbiss den Aufbau eines standortgerechten Mischwaldes gefährdet.
Das ist aus meiner Sicht ein entscheidender Punkt. Wir reden sehr viel über Baumarten, Pflanzzahlen, Förderprogramme und die richtige Herkunft von Forstpflanzen. Wir reden über Containerpflanzen, Wurzelnackte Pflanzen, Pflanzverfahren und Schutzmaßnahmen. Alles wichtige Themen. Aber manchmal wird dabei vergessen, dass der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Wiederbewaldung ganz einfach sein kann: Der junge Baum muss die Möglichkeit bekommen, mehrere Jahre ungestört zu wachsen.
Ein Baum, der nicht verbissen wird, benötigt keinen Verbissschutz. Eine funktionierende Naturverjüngung benötigt keine Pflanzung. Und eine Fläche, auf der die gewünschten Baumarten natürlich aufkommen, benötigt möglicherweise wesentlich weniger menschlichen Eingriff als zunächst angenommen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Naturverjüngung ein Selbstläufer ist. Auch eine natürlich entstandene Waldgeneration muss beobachtet, gepflegt und gegebenenfalls gelenkt werden. Konkurrenzvegetation kann junge Bäume überwachsen, Trockenheit kann die Entwicklung beeinträchtigen und bestimmte Baumarten können sich stärker durchsetzen als andere. Forstwirtschaft bleibt deshalb auch bei natürlicher Wiederbewaldung eine aktive Aufgabe.
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass wir die natürlichen Prozesse stärker nutzen und die menschlichen Maßnahmen dort einsetzen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.
Für mich als Andreas Zingsheim von Eifelforsten.de ist deshalb die Verbindung von Forstwirtschaft und Jagd ein zentraler Punkt für die Zukunft unserer Wälder in der Eifel. Wir brauchen nicht möglichst viele gepflanzte Bäume. Wir brauchen möglichst viele vitale Bäume, die langfristig zu einem stabilen Mischwald heranwachsen können.
Das Ziel sollte ein Wald sein, der mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen zurechtkommt, der unterschiedliche Baumarten enthält und der gleichzeitig wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Funktionen erfüllen kann. Dafür brauchen wir eine standortgerechte Baumartenwahl, eine sinnvolle Mischung aus Naturverjüngung und gezielter Pflanzung, fachgerechte Pflege – und eben auch eine Jagd, die dem Waldumbau eine echte Chance gibt.
Gerade in der Nordeifel rund um Nettersheim haben wir die Möglichkeit, aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu lernen. Die großen Kalamitätsflächen sind ohne Zweifel ein Verlust für die betroffenen Waldbesitzer und für die Landschaft. Gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, neue Waldstrukturen entstehen zu lassen. Wir sollten diese Chance nicht ausschließlich mit dem Pflanzplan beantworten, sondern mit einem umfassenden Konzept aus Standortanalyse, Naturverjüngung, Pflanzung, Pflege und Jagd.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Die Wiederbewaldung beginnt nicht unbedingt dort, wo der erste Forstbaum gepflanzt wird. Sie beginnt dort, wo wir verstehen, was der Standort selbst leisten kann und welche Bedingungen dafür geschaffen werden müssen.
Und wenn wir möchten, dass sich auf den Kalamitätsflächen der Eifel wieder ein vielfältiger und stabiler Wald entwickelt, müssen wir auch den Mut haben, über die Jagd zu sprechen.
Denn die beste Pflanze ist am Ende nur so gut wie ihre Chance, groß zu werden.
Redaktioneller Hinweis: Bei der Recherche und fachlichen Vorbereitung dieses Beitrags wurde künstliche Intelligenz (KI) als unterstützendes Werkzeug eingesetzt. Die fachliche Einordnung, die regionale Perspektive und die abschließende redaktionelle Verantwortung für den Beitrag liegen bei Eifelforsten.de und Andreas Zingsheim.
Eifelforsten.de – für eine nachhaltige Zukunft des Waldes in der Eifel.
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