Die ver­gan­genen Jahre haben den Wald in der Eifel mas­siv verän­dert. Stürme, extreme Trock­en­pe­ri­o­den, hohe Tem­per­a­turen und ins­beson­dere der Borkenkäfer haben vielerorts zu erhe­blichen Schä­den geführt. Auch in der Norde­ifel rund um Net­ter­sheim sind zahlre­iche Kalamitäts­flächen ent­standen, auf denen frühere Waldbestände ver­schwun­den sind. Für Waldbe­sitzer, Forstleute und Kom­munen stellt sich deshalb die Frage, wie diese Flächen wieder bewaldet wer­den kön­nen und welch­er Weg langfristig zu einem sta­bilen, arten­re­ichen und kli­mafit­ten Wald führt.

Kalamitäts­fläche bei Nettersheim/Pesch — Copy­right © 2026 Andreas Zing­sheim

Die nahe­liegende Antwort lautet häu­fig: Neue Forst­bäume bestellen, die Flächen vor­bere­it­en und möglichst schnell wieder auf­forsten. Doch aus mein­er Sicht als Andreas Zing­sheim von Eifelforsten.de greift diese Betra­ch­tungsweise zu kurz. Die Pflanzung von Forst­bäu­men kann sin­nvoll und auf manchen Flächen sog­ar notwendig sein. Sie sollte aber nicht automa­tisch die erste und wichtig­ste Maß­nahme sein. Ger­ade auf Kalamitäts­flächen sollte zunächst genau geprüft wer­den, was die Natur selb­st leis­ten kann und welche Voraus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den müssen.

Denn der Wald besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur natür­lichen Regen­er­a­tion. Wo Bäume ver­schwinden, entste­ht plöt­zlich viel Licht. Samen von vorhan­de­nen Bäu­men kön­nen keimen, bere­its vorhan­dene Naturver­jün­gung kann sich entwick­eln und Bau­marten aus der näheren Umge­bung kön­nen die Fläche besiedeln. Unter geeigneten Bedin­gun­gen kann auf diese Weise inner­halb weniger Jahre eine neue Wald­gen­er­a­tion entste­hen. Das aktuelle Wieder­be­wal­dungskonzept des Lan­des Nor­drhein-West­falen ver­fol­gt deshalb eben­falls einen stan­dort­gerecht­en Ansatz, bei dem Naturver­jün­gung, Saat und Pflanzung miteinan­der kom­biniert wer­den kön­nen. Auch die Gemeinde Net­ter­sheim räumt bei der Ver­jün­gung ihres Waldes der Naturver­jün­gung eine wichtige Rolle ein.

Naturver­jün­gung hat dabei einen großen Vorteil: Die jun­gen Bäume stam­men aus dem vorhan­de­nen regionalen Gen­pool und haben sich bere­its unter den örtlichen Bedin­gun­gen entwick­elt. Sie sind also nicht erst nach der Pflanzung mit dem Stan­dort kon­fron­tiert, son­dern wach­sen dort, wo sie sich natür­lich ange­siedelt haben. Das bedeutet natür­lich nicht, dass jed­er junge Baum automa­tisch für die Zukun­ft geeignet ist oder dass man den Wald ein­fach sich selb­st über­lassen sollte. Stan­dort, Boden, Wasser­haushalt, Bau­marten­mis­chung und Konkur­ren­zveg­e­ta­tion müssen weit­er­hin fach­lich beurteilt wer­den. Trotz­dem sollte die natür­liche Wieder­be­wal­dung dort, wo sie funk­tion­iert, eine wesentlich größere Bedeu­tung bekom­men.

Genau an diesem Punkt kommt allerd­ings ein The­ma ins Spiel, das mein­er Mei­n­ung nach bei der Diskus­sion über die Wieder­be­wal­dung von Kalamitäts­flächen viel stärk­er berück­sichtigt wer­den muss: die Jagd.

Denn was nützt die beste Naturver­jün­gung, wenn junge Bäume einem per­ma­nent hohen Ver­biss­druck aus­ge­set­zt sind? Eine junge Eiche, ein Ahorn, eine Buche oder eine andere stan­dort­gerechte Bau­mart benötigt viele Jahre, um sich zu einem kräfti­gen Baum zu entwick­eln. Wer­den die jun­gen Triebe immer wieder vom Schalen­wild ver­bis­sen, kann die Entwick­lung erhe­blich beein­trächtigt wer­den. Beson­ders prob­lema­tisch ist dabei, dass nicht alle Bau­marten gle­icher­maßen betrof­fen sind. Wer­den bes­timmte Bau­marten bevorzugt ver­bis­sen, kön­nen sich andere Arten durch­set­zen, obwohl sie aus wald­baulich­er Sicht möglicher­weise gar nicht die gewün­schte Rolle spie­len sollen.

Damit kann eine eigentlich arten­re­iche Naturver­jün­gung auf dem Papi­er vorhan­den sein, während sich in der Real­ität nur ein Teil dieser Bau­marten dauer­haft durch­set­zt. Genau hier entste­ht ein Zielkon­flikt zwis­chen Wild und Wald. Dabei geht es aus­drück­lich nicht darum, das Wild aus unseren Wäldern zu ver­drän­gen. Reh‑, Rot- und Schwarzwild gehören zu unser­er Land­schaft und zu einem funk­tion­ieren­den Ökosys­tem. Es geht vielmehr um die Frage, ob die vorhan­de­nen Wildbestände an die Leben­sraumka­paz­ität und an die wald­baulichen Ziele angepasst sind.

Diese Frage ist für die Norde­ifel von beson­der­er Bedeu­tung. Rund um Net­ter­sheim find­en wir unter­schiedliche Stan­dorte, Höhen­la­gen, Boden­ver­hält­nisse und Wald­struk­turen. Die Wälder erfüllen gle­ichzeit­ig wirtschaftliche, ökol­o­gis­che und gesellschaftliche Funk­tio­nen. Nach den erhe­blichen Wald­schä­den der ver­gan­genen Jahre beste­ht nun die große Chance, auf vie­len Flächen neue, vielfältige Mis­chwälder entste­hen zu lassen. Doch diese Chance kann nur genutzt wer­den, wenn die jun­gen Bäume auch tat­säch­lich wach­sen kön­nen.

Aus mein­er Sicht sollte deshalb bei ein­er Kalamitäts­fläche nicht zuerst die Frage gestellt wer­den: Welche Bäume müssen wir pflanzen? Die wichtigere Frage lautet zunächst: Welche Bau­marten kön­nen sich auf diesem Stan­dort natür­lich entwick­eln und wie schaf­fen wir die Voraus­set­zun­gen dafür?

Dazu gehört eine ehrliche Betra­ch­tung des Wild­ver­biss­es.

Wenn auf ein­er Fläche eine aus­re­ichende Naturver­jün­gung vorhan­den ist, diese aber immer wieder stark ver­bis­sen wird, ist es wenig sin­nvoll, lediglich neue Pflanzen zu bestellen und in den Boden zu brin­gen. Denn damit wird das eigentliche Prob­lem nicht gelöst. Im Gegen­teil: Für den Waldbe­sitzer entste­hen zusät­zliche Kosten. Pflanzen müssen gekauft, trans­portiert und geset­zt wer­den. Anschließend benöti­gen sie unter Umstän­den Einzelschutz, Wuchshüllen oder einen Zaun. Bei Aus­fällen sind Nach­pflanzun­gen notwendig. Die Pflege verur­sacht weit­ere Kosten und Arbeit­saufwand.

Natür­lich gibt es Sit­u­a­tio­nen, in denen Pflanzun­gen unverzicht­bar sind. Wenn eine gewün­schte Bau­mart nicht vorhan­den ist, die Naturver­jün­gung nicht aus­re­icht oder eine Fläche aus standörtlichen Grün­den gezielt mit bes­timmten Bau­marten angere­ichert wer­den soll, kann die Pflanzung genau der richtige Weg sein. Auch auf großen Kalamitäts­flächen kann eine gezielte Ergänzung der Naturver­jün­gung notwendig sein. Es geht deshalb nicht um ein grund­sät­zlich­es „Pflanzen gegen Nichtpflanzen“. Es geht um eine fach­lich sin­nvolle Kom­bi­na­tion.

Die entschei­dende Frage ist vielmehr, welche Maß­nahme auf welch­er Fläche den größten langfristi­gen Nutzen bringt.

Ein gesun­der Wal­dum­bau begin­nt deshalb nicht zwangsläu­fig mit dem Pflanzs­pat­en. Er begin­nt mit ein­er Bestand­sauf­nahme. Wie ist der Stan­dort beschaf­fen? Welche Bau­marten sind bere­its vorhan­den? Welche Naturver­jün­gung ste­ht auf der Fläche? Welche Bau­marten wer­den ver­bis­sen? Wie hoch ist der Ver­biss­druck? Welche jagdlichen Möglichkeit­en beste­hen? Und welche Bau­marten sollen langfristig den neuen Wald bilden?

Erst wenn diese Fra­gen beant­wortet sind, sollte entsch­ieden wer­den, ob, wo und in welchem Umfang gepflanzt wer­den muss.

Ger­ade bei der Wieder­be­wal­dung von Kalamitäts­flächen sollte die Jagd deshalb als ein wesentlich­er Bestandteil des Wal­dum­baus ver­standen wer­den. Das Land Nor­drhein-West­falen weist in seinem Wieder­be­wal­dungskonzept eben­falls auf die Bedeu­tung ein­er angepassten jagdlichen Bewirtschaf­tung hin. Ver­jün­gungs­flächen kön­nen beispiel­sweise jagdlich beson­ders berück­sichtigt wer­den, wenn der Wild­ver­biss den Auf­bau eines stan­dort­gerecht­en Mis­chwaldes gefährdet.

Das ist aus mein­er Sicht ein entschei­den­der Punkt. Wir reden sehr viel über Bau­marten, Pflanz­zahlen, Förder­pro­gramme und die richtige Herkun­ft von Forstpflanzen. Wir reden über Con­tain­erpflanzen, Wurzel­nack­te Pflanzen, Pflanzver­fahren und Schutz­maß­nah­men. Alles wichtige The­men. Aber manch­mal wird dabei vergessen, dass der wichtig­ste Fak­tor für eine erfol­gre­iche Wieder­be­wal­dung ganz ein­fach sein kann: Der junge Baum muss die Möglichkeit bekom­men, mehrere Jahre ungestört zu wach­sen.

Ein Baum, der nicht ver­bis­sen wird, benötigt keinen Ver­bisss­chutz. Eine funk­tion­ierende Naturver­jün­gung benötigt keine Pflanzung. Und eine Fläche, auf der die gewün­scht­en Bau­marten natür­lich aufkom­men, benötigt möglicher­weise wesentlich weniger men­schlichen Ein­griff als zunächst angenom­men.

Das bedeutet allerd­ings nicht, dass Naturver­jün­gung ein Selb­stläufer ist. Auch eine natür­lich ent­standene Wald­gen­er­a­tion muss beobachtet, gepflegt und gegebe­nen­falls gelenkt wer­den. Konkur­ren­zveg­e­ta­tion kann junge Bäume überwach­sen, Trock­en­heit kann die Entwick­lung beein­trächti­gen und bes­timmte Bau­marten kön­nen sich stärk­er durch­set­zen als andere. Forstwirtschaft bleibt deshalb auch bei natür­lich­er Wieder­be­wal­dung eine aktive Auf­gabe.

Der entschei­dende Unter­schied beste­ht darin, dass wir die natür­lichen Prozesse stärk­er nutzen und die men­schlichen Maß­nah­men dort ein­set­zen, wo sie tat­säch­lich gebraucht wer­den.

Für mich als Andreas Zing­sheim von Eifelforsten.de ist deshalb die Verbindung von Forstwirtschaft und Jagd ein zen­traler Punkt für die Zukun­ft unser­er Wälder in der Eifel. Wir brauchen nicht möglichst viele gepflanzte Bäume. Wir brauchen möglichst viele vitale Bäume, die langfristig zu einem sta­bilen Mis­chwald her­anwach­sen kön­nen.

Das Ziel sollte ein Wald sein, der mit den sich verän­dern­den kli­ma­tis­chen Bedin­gun­gen zurechtkommt, der unter­schiedliche Bau­marten enthält und der gle­ichzeit­ig wirtschaftliche, ökol­o­gis­che und gesellschaftliche Funk­tio­nen erfüllen kann. Dafür brauchen wir eine stan­dort­gerechte Bau­marten­wahl, eine sin­nvolle Mis­chung aus Naturver­jün­gung und geziel­ter Pflanzung, fachgerechte Pflege – und eben auch eine Jagd, die dem Wal­dum­bau eine echte Chance gibt.

Ger­ade in der Norde­ifel rund um Net­ter­sheim haben wir die Möglichkeit, aus den Erfahrun­gen der ver­gan­genen Jahre zu ler­nen. Die großen Kalamitäts­flächen sind ohne Zweifel ein Ver­lust für die betrof­fe­nen Waldbe­sitzer und für die Land­schaft. Gle­ichzeit­ig eröff­nen sie die Möglichkeit, neue Wald­struk­turen entste­hen zu lassen. Wir soll­ten diese Chance nicht auss­chließlich mit dem Pflanz­plan beant­worten, son­dern mit einem umfassenden Konzept aus Stan­dor­t­analyse, Naturver­jün­gung, Pflanzung, Pflege und Jagd.

Die vielle­icht wichtig­ste Erken­nt­nis lautet deshalb: Die Wieder­be­wal­dung begin­nt nicht unbe­d­ingt dort, wo der erste Forst­baum gepflanzt wird. Sie begin­nt dort, wo wir ver­ste­hen, was der Stan­dort selb­st leis­ten kann und welche Bedin­gun­gen dafür geschaf­fen wer­den müssen.

Und wenn wir möcht­en, dass sich auf den Kalamitäts­flächen der Eifel wieder ein vielfältiger und sta­bil­er Wald entwick­elt, müssen wir auch den Mut haben, über die Jagd zu sprechen.

Denn die beste Pflanze ist am Ende nur so gut wie ihre Chance, groß zu wer­den.

Redak­tioneller Hin­weis: Bei der Recherche und fach­lichen Vor­bere­itung dieses Beitrags wurde kün­stliche Intel­li­genz (KI) als unter­stützen­des Werkzeug einge­set­zt. Die fach­liche Einord­nung, die regionale Per­spek­tive und die abschließende redak­tionelle Ver­ant­wor­tung für den Beitrag liegen bei Eifelforsten.de und Andreas Zing­sheim.

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