Wer heute durch die Wälder der Norde­ifel geht, sieht vielerorts einen Wald im Über­gang. Zwis­chen alten Buchenbestän­den, jun­gen Naturver­jün­gun­gen und offe­nen Kalamitäts­flächen zeigt sich, wie stark sich unsere Wälder in den ver­gan­genen Jahren verän­dert haben. Beson­ders die Fichte hat in vie­len Regio­nen ihre frühere Bedeu­tung ver­loren. Sturm, Trock­en­heit, Hitze und Borkenkäfer haben inner­halb weniger Jahre Wald­bilder verän­dert, die zuvor über Jahrzehnte nahezu unverän­dert erschienen.

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Für uns Forstleute ist diese Entwick­lung weit mehr als eine Frage des Erschei­n­ungs­bildes. Es geht um die Zukun­fts­fähigkeit des Waldes. Welche Bau­marten wer­den mit den kli­ma­tis­chen Bedin­gun­gen der kom­menden Jahrzehnte zurechtkom­men? Wie viel Naturver­jün­gung kön­nen wir zulassen? Wo ist eine Pflanzung sin­nvoll? Und welche Rolle spie­len Jagd, Boden, Wasser­haushalt und forstliche Pflege?

Ger­ade in der Norde­ifel lassen sich diese Fra­gen nicht mit ein­fachen Rezepten beant­worten. Dafür sind die Stan­dorte zu unter­schiedlich. Ich beschäftige mich als Forstwissenschaftler seit Jahren mit der Entwick­lung unser­er Wälder und beobachte dabei auch die Verän­derun­gen rund um Net­ter­sheim und in der weit­eren Norde­ifel. Was wir hier erleben, ist kein kurzfristiges Prob­lem, das sich mit eini­gen Pflan­za­k­tio­nen lösen lässt. Walden­twick­lung braucht Zeit – und forstliche Entschei­dun­gen müssen deshalb deut­lich weit­er gedacht wer­den als über die näch­sten fünf oder zehn Jahre.

Die Fichte war über lange Zeit eine der wichtig­sten Bau­marten der Eifel. Sie wuchs schnell, lieferte wertvolles Nutzholz und war forstwirtschaftlich gut kalkulier­bar. Gle­ichzeit­ig war sie auf vie­len Flächen keine natür­liche Bau­mart, son­dern Ergeb­nis ein­er his­torischen Entwick­lung. Nach der inten­siv­en Nutzung der Eifel­wälder wur­den ins­beson­dere im 19. und 20. Jahrhun­dert große Flächen mit Fichte aufge­forstet. Im Nation­al­park Eifel lässt sich diese Entwick­lung beson­ders gut nachvol­lziehen. Dort wird beschrieben, dass die Fichte ursprünglich nicht zur natür­lichen Wald­veg­e­ta­tion der Eifel gehörte und durch plan­mäßige Auf­forstun­gen in den ver­gan­genen rund 150 Jahren eine große Bedeu­tung erlangte. Nation­al­park Eifel – Wälder

Das Prob­lem wurde spätestens mit den extremen Wet­ter­jahren ab 2018 offen­sichtlich. Trock­ene Böden und hohe Tem­per­a­turen schwächt­en die Bäume. Gle­ichzeit­ig kon­nte sich der Buch­druck­er, ein Borkenkäfer der Fichte, stark ver­mehren. Nor­drhein-West­falen hat in den ver­gan­genen Jahren enorme Men­gen an Schad­holz verze­ich­net. Beson­ders deut­lich wurde dabei, wie eng Kli­maverän­derun­gen und die Anfäl­ligkeit bes­timmter Bau­marten miteinan­der ver­bun­den sind. Wald und Holz NRW – Waldzu­s­tand

Dabei wäre es zu kurz gegrif­f­en, die Fichte allein zum Prob­lem­baum zu erk­lären. Die entschei­dende Frage lautet vielmehr: Passt eine Bau­mart zum jew­eili­gen Stan­dort und zum zukün­fti­gen Kli­ma? Genau diese Betra­ch­tungsweise wird im mod­er­nen Wald­bau immer wichtiger.

Wer die Norde­ifel ken­nt, weiß, wie schnell sich die Bedin­gun­gen verän­dern kön­nen. Höhen­lage, Expo­si­tion, Bodenart, Wasserver­sorgung und Klein­kli­ma unter­schei­den sich teil­weise inner­halb weniger hun­dert Meter erhe­blich. Ein feuchter, tief­gründi­ger Stan­dort bietet ein­er Buche oder einem Edel­laub­holz ganz andere Möglichkeit­en als ein flach­gründi­ger, süd­ex­poniert­er Hang. Auch die Frage, ob ein Bestand von Natur aus aus­re­ichend mit jun­gen Bäu­men aus­ges­tat­tet wird, lässt sich nicht pauschal beant­worten.

Deshalb halte ich einen stan­dort­be­zo­ge­nen Wal­dum­bau für wesentlich sin­nvoller als eine möglichst schnelle Wieder­auf­forstung nach einem ein­heitlichen Schema. Die zen­trale Frage sollte nicht laut­en: „Welche Bau­mart wollen wir pflanzen?“, son­dern zunächst: „Was kann dieser Stan­dort langfristig leis­ten?“ Boden, Wasser­haushalt und Mikrokli­ma geben den Rah­men vor. Erst inner­halb dieses Rah­mens sollte entsch­ieden wer­den, welche Bau­marten miteinan­der kom­biniert wer­den kön­nen.

Das aktuelle Wieder­be­wal­dungskonzept Nor­drhein-West­falens geht eben­falls in diese Rich­tung. Es berück­sichtigt unter­schiedliche Inten­sitäten der Wieder­be­wal­dung und sieht aus­drück­lich eine Kom­bi­na­tion aus Naturver­jün­gung und ergänzen­der Pflanzung vor. Wald und Holz NRW

Nach ein­er Kalamität entste­ht schnell der Ein­druck, eine Fläche müsse möglichst rasch wieder bepflanzt wer­den. Aus forstwissenschaftlich­er Sicht ist das jedoch nicht immer die beste Lösung. Auf vie­len Flächen ste­hen bere­its junge Bäume. Birke, Eberesche, Ahorn, Buche oder andere Bau­marten kön­nen sich aus natür­lich­er Ansamung entwick­eln. Ger­ade diese Naturver­jün­gung ist inter­es­sant, weil die jun­gen Bäume bere­its unter den Bedin­gun­gen des jew­eili­gen Stan­dorts ent­standen sind.

Das bedeutet allerd­ings nicht, dass man eine Fläche ein­fach sich selb­st über­lassen kann. Naturver­jün­gung muss beobachtet und bew­ertet wer­den. Welche Bau­marten kom­men tat­säch­lich? Wie hoch ist ihre Dichte? Wie entwick­eln sie sich? Gibt es aus­re­ichend unter­schiedliche Alters- und Höhen­stufen? Und vor allem: Erre­ichen die jun­gen Bäume tat­säch­lich eine Größe, bei der sie sich gegen Konkur­ren­zveg­e­ta­tion und Wild­ver­biss durch­set­zen kön­nen?

Hier kommt ein Punkt ins Spiel, der in der öffentlichen Diskus­sion über Wal­dum­bau häu­fig unter­schätzt wird: die Jagd. Eine arten­re­iche Naturver­jün­gung kann auf dem Papi­er vorhan­den sein und trotz­dem im Wald nicht dauer­haft Bestand haben. Wenn bes­timmte Bau­marten bevorzugt ver­bis­sen wer­den, verän­dert sich die Zusam­menset­zung des zukün­fti­gen Waldes. Am Ende kön­nen genau jene Bau­marten fehlen, die für einen sta­bilen Mis­chwald beson­ders wichtig wären.

Das bedeutet nicht, dass Wild aus dem Wald ver­schwinden soll. Reh‑, Rot- und Schwarzwild gehören selb­stver­ständlich zum Ökosys­tem Wald. Entschei­dend ist vielmehr ein Ver­hält­nis zwis­chen Wildbe­stand und Leben­sraum, das eine natür­liche Walden­twick­lung ermöglicht. Ger­ade auf den zahlre­ichen Schad­flächen der Norde­ifel ist diese Frage von großer Bedeu­tung.

Der Begriff „Mis­chwald“ klingt zunächst nach ein­er ein­fachen Lösung. Mehrere Bau­marten wer­den miteinan­der kom­biniert, und schon entste­ht ein sta­bil­er Zukun­ftswald. So ein­fach ist es allerd­ings nicht. Ein Mis­chwald ist nur dann langfristig sta­bil, wenn die ver­wen­de­ten Bau­marten zu den jew­eili­gen Stan­dortbe­din­gun­gen passen. Eine Mis­chung aus mehreren Bau­marten, die alle unter zunehmender Trock­en­heit lei­den, ist noch kein kli­masta­bil­er Wald.

Aus mein­er Sicht müssen wir deshalb stärk­er zwis­chen Bau­marten­vielfalt und tat­säch­lich­er Risikostreu­ung unter­schei­den. Wenn ver­schiedene Bau­marten unter­schiedliche Ansprüche an Wass­er, Nährstoffe und Licht haben, kön­nen sie sich gegen­seit­ig ergänzen. Gle­ichzeit­ig verteilt sich das Risiko. Fällt eine Bau­mart auf­grund ein­er bes­timmten Krankheit oder eines Extremereigniss­es aus, bleibt ein Teil der Wald­struk­tur erhal­ten.

Dabei soll­ten heimis­che Bau­marten weit­er­hin eine zen­trale Rolle spie­len. Die natür­lichen Laub­waldge­sellschaften der Eifel zeigen uns, welche Bau­marten grund­sät­zlich zur Region gehören. Im Nation­al­park Eifel nehmen Buchen- und Eichen­wälder große Flächen ein. Daneben kom­men unter anderem Ahorn, Linde, Ulme, Esche, Erle und Wei­de an geeigneten Stan­dorten vor. Nation­al­park Eifel – Laub­wälder

Das ist kein Pflanz­plan für jeden Pri­vat­wald. Aber es zeigt, wie vielfältig die natür­liche Walden­twick­lung in der Eifel sein kann. Der Nation­al­park Eifel ist in dieser Diskus­sion ein inter­es­santes Beispiel. Dort wer­den große Bere­iche langfristig ein­er natür­lichen Entwick­lung über­lassen. Ger­ade die ehe­ma­li­gen Ficht­en­flächen zeigen ein­drucksvoll, wie schnell sich ein Wald nach dem Zusam­men­bruch eines Bestandes verän­dern kann.

Wo Ficht­en durch Trock­en­heit und Borkenkäfer abster­ben, fällt plöt­zlich viel Licht auf den Wald­bo­den. Kräuter, Gräs­er und Sträuch­er bre­it­en sich aus. Pio­nier­bau­marten wie Birke und Eberesche kön­nen sich etablieren. Später fol­gen weit­ere Bau­marten. Auf geeigneten Flächen kön­nen sich daraus struk­tur­re­iche Mis­chwälder entwick­eln. Nation­al­park Eifel – Abster­bende Ficht­en machen Platz für heimis­che Bäume

Das bedeutet nicht, dass Wirtschaftswälder genau­so behan­delt wer­den soll­ten wie ein Nation­al­park. Die Zielset­zun­gen sind unter­schiedlich. Im Wirtschaftswald müssen zusät­zlich Holzpro­duk­tion, Eigen­tümer­in­ter­essen, Verkehrssicherung und wirtschaftliche Risiken berück­sichtigt wer­den. Trotz­dem kön­nen wir aus solchen Entwick­lun­gen wichtige Erken­nt­nisse gewin­nen: Wald ist ein dynamis­ches Sys­tem. Er kann sich selb­st regener­ieren, wenn die Rah­menbe­din­gun­gen stim­men.

In den ver­gan­genen Jahren wurde viel über die richtige Bau­mart disku­tiert. Buche, Eiche, Dou­glasie, Tanne, Lärche oder andere Bau­marten wer­den je nach Stan­dort und Zielset­zung unter­schiedlich bew­ertet. Für mich liegt die entschei­dende forstliche Leis­tung jedoch nicht allein in der Auswahl ein­er Bau­mart. Entschei­dend ist das Gesamt­sys­tem.

Dazu gehören die richtige Bau­marten­mis­chung, eine angepasste Wild­dichte, eine möglichst scho­nende Boden­be­hand­lung, eine gute Pflege und ein langfristiges Beobacht­en der Bestände. Auch die wirtschaftliche Funk­tion darf dabei nicht aus­ge­blendet wer­den. Nach­haltige Forstwirtschaft bedeutet nicht, möglichst wenig Holz zu nutzen. Holz ist ein nachwach­sender Rohstoff und kann einen wichti­gen Beitrag zum Kli­maschutz leis­ten. Wälder spe­ich­ern Kohlen­stoff, gle­ichzeit­ig wird durch die Ver­wen­dung von Holz in lan­glebi­gen Pro­duk­ten Kohlen­stoff über län­gere Zeit gebun­den. Zudem kön­nen Holzpro­duk­te Mate­ri­alien mit höherem Energie- und Ressourcenver­brauch erset­zen. Wald und Holz NRW – Wald und Kli­ma

Ein kli­masta­bil­er Wald ist deshalb nicht nur aus ökol­o­gis­ch­er Sicht wichtig. Er ist auch Voraus­set­zung dafür, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leis­tun­gen des Waldes langfristig erhal­ten bleiben.

Forstwirtschaft unter­schei­det sich von vie­len anderen Wirtschafts­bere­ichen vor allem durch einen Fak­tor: Zeit. Ein heute gepflanzter Baum wird nicht in weni­gen Jahren seinen endgülti­gen Wert erre­ichen. Viele Entschei­dun­gen, die wir heute tre­f­fen, wer­den erst von der näch­sten Gen­er­a­tion bew­ertet wer­den kön­nen.

Das macht die aktuelle Sit­u­a­tion in der Norde­ifel zugle­ich schwierig und inter­es­sant. Die großen Schad­flächen sind ohne Frage ein Ver­lust. Für viele Waldbe­sitzer sind sie mit erhe­blichen wirtschaftlichen Ein­bußen ver­bun­den. Gle­ichzeit­ig bieten sie die Möglichkeit, Fehler der Ver­gan­gen­heit nicht ein­fach zu wieder­holen.

Wir müssen nicht ver­suchen, den Wald von 1980 wieder­herzustellen. Wir soll­ten vielmehr einen Wald entwick­eln, der mit den Bedin­gun­gen von 2050, 2070 oder 2100 möglichst gut zurechtkommt. Dabei gibt es keine hun­dert­prozentige Sicher­heit. Nie­mand kann heute exakt vorher­sagen, wie sich Tem­per­atur, Nieder­schlag und Extremwet­ter in einem bes­timmten Wald­stück entwick­eln wer­den.

Forstwirtschaft bedeutet deshalb immer auch Risiko­man­age­ment. Je vielfältiger und struk­tur­re­ich­er ein Wald aufge­baut ist, desto bess­er kann er auf unter­schiedliche Entwick­lun­gen reagieren. Genau darin liegt für mich eine der wichtig­sten Auf­gaben des Wald­baus in der Norde­ifel.

Wenn ich heute durch die Wälder rund um Net­ter­sheim und andere Bere­iche der Norde­ifel gehe, sehe ich deshalb nicht nur die Fol­gen der ver­gan­genen Schadereignisse. Ich sehe auch eine große wald­bauliche Chance. Auf vie­len Flächen begin­nt bere­its eine neue Wald­gen­er­a­tion. Manche Flächen benöti­gen Pflanzun­gen, andere vor allem Schutz und Pflege der vorhan­de­nen Naturver­jün­gung. Wieder andere soll­ten zunächst beobachtet wer­den.

Es wird nicht über­all gle­ich ausse­hen – und genau das ist aus mein­er Sicht ein gutes Zeichen. Der zukün­ftige Wald der Norde­ifel wird wahrschein­lich vielfältiger sein als viele der großflächi­gen Ficht­enbestände der Ver­gan­gen­heit. Er wird unter­schiedliche Bau­marten, Altersstufen und Wald­struk­turen enthal­ten. Und er wird hof­fentlich stärk­er an den jew­eili­gen Stan­dort angepasst sein.

Für mich als Forstwissenschaftler ist das die eigentliche Auf­gabe des Wal­dum­baus: nicht möglichst schnell möglichst viele Bäume zu pflanzen, son­dern die Voraus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, dass sich ein Wald entwick­eln kann, der auch unter den Bedin­gun­gen des kom­menden Jahrhun­derts seine Funk­tio­nen erfüllt.

Die Norde­ifel hat dabei einen entschei­den­den Vorteil: Sie besitzt eine lange Waldgeschichte, vielfältige Stan­dorte und ein enormes natür­lich­es Entwick­lungspoten­zial. Wir müssen dieses Poten­zial nutzen – mit Fach­wis­sen, Geduld und einem Blick, der weit über die näch­ste Förder­sai­son hin­aus­re­icht.