Weitschuss-Sem­i­nare haben in den ver­gan­genen Jahren einen fes­ten Platz in der jagdlichen Fort­bil­dung ein­genom­men. Sie ver­sprechen höhere Präzi­sion auf große Dis­tanzen, ein besseres Ver­ständ­nis für Bal­lis­tik und einen sicheren Umgang mit mod­ern­er Tech­nik. Ent­fer­nungsmess­er, leis­tungsstarke Zielfer­n­rohre und exakt abges­timmte Laborierun­gen ver­mit­teln den Ein­druck, dass selb­st weite Schüsse kon­trol­lier­bar und berechen­bar gewor­den sind. Doch ger­ade im Zusam­men­hang mit der Waidgerechtigkeit zeigt sich, dass solche Sem­i­nare nicht immer ihren eigentlichen Zweck erfüllen.

Waidgerechtigkeit bedeutet, Wild so zu beja­gen, dass unnötiges Lei­den ver­mieden wird und der Schuss schnell und sich­er tötet. Sie ist kein tech­nis­ch­er Maßstab, son­dern ein ethis­ch­er. Genau hier entste­ht die Span­nung: Auf dem Schieß­s­tand sind Ent­fer­nun­gen bekan­nt, die Bedin­gun­gen kon­stant, der Anschlag sta­bil. Im Revi­er jedoch verän­dern Wind, Gelände, Bewuchs, Licht und das Ver­hal­ten des Wildes die Sit­u­a­tion grundle­gend. Ein sauber­er Tre­f­fer auf 300 Meter unter Ide­albe­din­gun­gen ist nicht automa­tisch gle­ichbe­deu­tend mit einem waidgerecht­en Schuss auf dieselbe Dis­tanz im jagdlichen All­t­ag.

Ein Prob­lem liegt in der psy­chol­o­gis­chen Wirkung solch­er Sem­i­nare. Wer gel­ernt hat, wie Geschoss­ab­fall berech­net wird und wie sich Seit­en­wind auswirkt, empfind­et ver­ständlicher­weise ein gesteigertes Selb­stver­trauen. Dieses Ver­trauen kann jedoch dazu führen, dass die tech­nisch mögliche Dis­tanz mit der ethisch vertret­baren Dis­tanz ver­wech­selt wird. Waidgerechtigkeit fordert jedoch Zurück­hal­tung. Nur weil ein Schuss rech­ner­isch möglich ist, bedeutet das nicht, dass er auch ver­ant­wort­bar ist. Jede zusät­zliche Ent­fer­nung ver­größert das Risiko von Abwe­ichun­gen – sei es durch Wind­böen, min­i­male Ziel­be­we­gun­gen oder eine unruhige Auflage.

Hinzu kommt, dass jagdliche Prax­is nicht allein von Schießtech­nik abhängt. Erfahrung, regelmäßiges Train­ing und eine ehrliche Selb­stein­schätzung sind entschei­dend. Ein Woch­enend­sem­i­nar kann Grund­la­gen ver­mit­teln, erset­zt aber keine kon­tinuier­liche Übung unter real­is­tis­chen Bedin­gun­gen. Wer nur gele­gentlich trainiert, wird selb­st mit fundiertem the­o­retis­chem Wis­sen keine dauer­haft ver­lässliche Präzi­sion auf große Dis­tanzen gewährleis­ten kön­nen. Waidgerechtigkeit ver­langt jedoch Ver­lässlichkeit – nicht nur Kön­nen im Aus­nah­me­fall.

Darüber hin­aus beste­ht die Gefahr, dass sich der Fokus der Jagd ver­schiebt. Wenn die Max­imierung der Schuss­dis­tanz zum Ziel wird, tritt der eigentliche Kern der Jagd in den Hin­ter­grund: das ver­ant­wor­tungsvolle Ansprechen, das Her­ankom­men an das Wild, die bewusste Entschei­dung für oder gegen einen Schuss. Waidgerechtigkeit bedeutet oft auch, auf einen Schuss zu verzicht­en, wenn die Bedin­gun­gen nicht opti­mal sind. Ger­ade diese Entschei­dung ist Aus­druck jagdlich­er Reife.

Weitschuss-Sem­i­nare sind daher nicht per se prob­lema­tisch. Sie kön­nen das Ver­ständ­nis für Bal­lis­tik ver­tiefen und helfen, die eige­nen Gren­zen bess­er einzuschätzen. Entschei­dend ist jedoch, dass sie nicht als Legit­i­ma­tion für extreme Dis­tanzen ver­standen wer­den. Der Maßstab bleibt nicht die max­i­mal erre­ich­bare Ent­fer­nung, son­dern die min­i­male Dis­tanz, auf der ein sicher­er, schneller und tier­schutzgerechter Tre­f­fer gewährleis­tet ist. Erst wenn Tech­nik, Kön­nen und ethis­che Ver­ant­wor­tung im Ein­klang ste­hen, wird aus Präzi­sion auch echte Waidgerechtigkeit.