
Die sogenannte Hähersaat beschreibt das Verhalten des Eichelhähers (Garrulus glandarius), Eicheln und andere größere Samen als Vorräte im Boden zu verstecken. Dieses Verhalten ist nicht nur für das Überleben des Vogels selbst wichtig, sondern besitzt auch eine enorme forstökologische Bedeutung. In einer Zeit, in der Wälder zunehmend unter dem Druck von Klimawandel, Schädlingen und Nutzungsansprüchen stehen, rückt die Hähersaat als ein natürlicher Mechanismus in den Fokus, der für die Waldverjüngung und den Aufbau stabiler Mischwälder von entscheidender Rolle ist.
Ökologischer Mechanismus der Hähersaat
Der Eichelhäher legt im Herbst bis zu mehrere Tausend Eicheln an. Er transportiert die Samen oft über Entfernungen von mehreren hundert Metern und vergräbt sie einzeln im Boden. Da der Vogel nicht alle Depots wiederfindet, keimen viele dieser Eicheln und bilden die Grundlage für junge Eichenbestände. Dieses Verhalten ist in Mitteleuropa von zentraler Bedeutung, da Eicheln zu schwer sind, um sich allein durch Wind oder Wasser in größerem Maßstab auszubreiten. Während andere Baumarten wie Birken oder Weiden sogenannte Windstreuer sind, ist die Eiche auf tierische Helfer angewiesen – und hier übernimmt der Eichelhäher die Rolle eines „Pflanzhelfers“.
Bedeutung für die Waldverjüngung
In der Forstwirtschaft wird die Hähersaat inzwischen bewusst genutzt. Statt große Aufforstungsmaßnahmen mit Setzlingen durchzuführen, schaffen Förster geeignete Rahmenbedingungen: Alte Eichenbestände werden als Saatbäume belassen, angrenzende Freiflächen nach Sturm, Borkenkäferbefall oder Holzeinschlag bleiben offen und licht. Der Eichelhäher trägt die Eicheln von den Altbeständen in diese Flächen und sorgt so für eine natürliche, kostengünstige und genetisch vielfältige Verjüngung.
Das Verfahren ist nicht nur ökonomisch attraktiv, weil Pflanzkosten entfallen, sondern auch ökologisch vorteilhaft: Die aus Hähersaat entstandenen Jungpflanzen stammen von lokal angepassten Mutterbäumen und weisen eine hohe genetische Diversität auf. Damit erhöhen sie die Anpassungsfähigkeit des Waldes an zukünftige Stressfaktoren wie Trockenperioden oder Schädlinge.
Zusammenspiel mit anderen Baumarten
Die Hähersaat wird in der Praxis häufig mit anderen waldbaulichen Verfahren kombiniert. So werden beispielsweise Buchen oder Tannen gezielt gepflanzt oder durch Naturverjüngung eingebracht, während die Eiche dem Eichelhäher überlassen wird. Dieses Zusammenspiel führt zu Mischwäldern, die ökologisch stabiler sind als Monokulturen. Gerade im Klimawandel gelten Eichenmischwälder als besonders widerstandsfähig, da sie unterschiedliche Wurzelsysteme, Nährstoffansprüche und Reaktionen auf Witterungsextreme vereinen.
Förderung der Hähersaat durch forstliche Maßnahmen
Damit die Hähersaat wirksam greifen kann, sind bestimmte waldbauliche Rahmenbedingungen notwendig:
- Erhalt von Eichenbeständen: Ohne Saatbäume keine Eicheln.
- Strukturreiche Lebensräume: Waldränder, Hecken und Totholz bieten dem Eichelhäher Nistmöglichkeiten und Schutz.
- Belassen von Mastbäumen: In Jahren mit hoher Fruchtproduktion (Mastjahren) ist die Aktivität der Hähersaat besonders intensiv.
- Verzicht auf übermäßige Störung: Intensive forstliche Nutzung, Pestizideinsatz oder Bejagung können den Bestand des Eichelhähers beeinträchtigen.
Praktisches Beispiel
In den Revieren der Hatzfeldt-Wildenburg’schen Forstverwaltung wird die Hähersaat aktiv gefördert. Dabei werden sogenannte Häherteller aufgestellt, die mit Eicheln und anderen Samen bestückt sind. Der Eichelhäher sammelt diese Samen und verteilt sie über größere Entfernungen im Wald. So wird die Eiche auch in Bestände von nichtheimischen Nadelhölzern wie Kiefer oder Fichte eingebracht, was die Grundlage für die Umwandlung dieser Bestände in naturnahe Eichenwälder schafft.
Unser Fazit
Die Hähersaat ist weit mehr als ein Nebeneffekt tierischen Vorratsverhaltens. Sie ist ein essenzieller Prozess der Waldökologie und eine Chance für die nachhaltige Forstwirtschaft. Indem der Mensch günstige Bedingungen schafft – alte Eichen erhält, Strukturen fördert und den Vogel schützt – lässt er den „Förster im Federkleid“ seine Arbeit tun. Der Eichelhäher pflanzt Wälder, die nicht nur ökologisch wertvoll und artenreich sind, sondern auch die nötige Widerstandskraft besitzen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts standzuhalten.
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